Meet Star-Colorist Christophe Robin

 

«Liebes, ich muss leider weiter. Darf ich mich mit einem Küsschen verabschieden?»

Wie vom Blitz getroffen stehe ich da und kann dabei nur mit Mühe meinen Impuls unterdrücken, jenem Mann um den Hals zu fallen, der mir zuvor während eines sehr persönlichen Gespräches seine Lebensgeschichte erzählte und mich anschliessend bei einem Spaziergang durch das Quartier zu seinen Lieblingsplätzen führte.

«Der Mann», übrigens, ist Christophe Robin: Farb-Experte von L’ Oréal Paris, BFF von Catherine Deneuve, Liebings-Colorist von gefühlt allen Stars und Models – und einer meiner grössten Beauty-Crushes überhaupt. Die Gründe dafür sind so lang wie die Liste seiner VIP-Kundinnen, zu denen unter anderem Milla Jovovich, Uma Thurman, Laetitia Casta, Claudia Schiffer gehören, aber letztlich läuft alles auf seine warmherzige, liebenswürdige und oh-so-charming Persönlichkeit hinaus, mit der mich Monsieur Robin von der erste Sekunde an bezauberte.

Oder soll ich sagen: total aus der Fassung brachte, wobei das noch nett ausgedrückt ist. Als routinierter Profi liess sich lovely Christophe aber weder von den gelegentlichen Überschlägen in meiner Stimme noch von meinen hysterischen Kicheranfällen beirren, sondern machte es mir stattdessen – ganz der Gentleman – besonders einfach, indem er mir in druckreifen Sätzen ins Mikrophon sprach, so dass ich ihm hier ohne weitere Umschweife das Wort übergeben kann.

 

 

«Im Gegensatz zu vielen Kindern hatte ich nie einen Traumberuf wie etwa Lokomotiv-Führer oder Pilot. Ich träumte aber seit ich mich erinnern kann von der grossen Freiheit. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass ich in einem kleinen Dorf von rund 160 Einwohnern im Nirgendwo der Bretagne aufwuchs als Sohn von Bauern. Für einen homosexuellen Jungen ist das zum Teil kein einfaches Umfeld und aus diesem Grund hatte ich schon sehr früh diese Sehnsucht danach, frei entscheiden zu können, wie ich mein Leben lebe.

Meine Herkunft hat mich in vielfacher Hinsicht geprägt, ich bin bis heute ein extrem erdverbundener und damit auch geerdeter Mensch. Die bäuerlichen Wurzeln haben mich auch Demut gelernt – und Pragmatismus, was in meinem Beruf ein grosser Vorteil ist, denn ich sehe mich in erster Linie als Handwerker, nicht als Künstler.

Wir führten ein extrem einfaches Leben damals, aber ich war wunschlos glücklich. Vor allem die Sonntage liebte ich über alles, weil sich dann alle Freundinnen meiner Mutter bei uns versammelten, um sich gegenseitig zu schminken und die Haare zu machen für den Feiertag. Einen Coiffeur gab es keinen, die nächste Stadt war über 100 Kilometer entfernt und so ergab sich diese Tradition

Für mich war es unglaublich faszinierend zuzusehen, wie sich diese Frauen innert kurzer Zeit in diese glamourösen Wesen verwandelten, die scheinbar so gar nichts zu tun hatten mit den hart arbeitenden Bäuerinnen auf den Feldern. Noch heute verbinde ich mit meiner Kindheit den Geruch von Ammoniak und ich sehe vor mir, wie vor meinen Augen die schönsten Frisuren und Looks entstanden.

Insofern war niemand erstaunt, als ich mich mit 14 zu einer Laufbahn als Coiffeur entschloss, obwohl dieser Beruf in unserem Dorf als leicht anrüchig galt. Ich war noch ein halbes Kind, als ich auszog und meine Lehre in einem kleinen Salon auf dem Land begann. Zum Teil war es hart für mich, aber gleichzeitig genoss ich meine Unabhängigkeit in vollen Zügen.

In den ersten zwei Jahren machte ich alles – Haare waschen, schneiden, stylen, färben –, aber meiner damaligen Mentorin fiel schon bald auf, dass man mir lieber Pigmente und Wasserstoff in die Hand geben sollte als die Schere. Sie glaubte an mich und ermutigte mich, in dieser Nische Fuss zu fassen. «Weisst Du, Christophe, einen guten Haarschnitt schaffen viele Coiffeure, aber nur wenige sind gut im Umgang mit Haarfarben. Zu einem guten Coloristen kehrt man immer wieder zurück, egal wo er ist», sagte sie mir mehr als einmal.

Von meiner Lehrmeisterin habe ich auch gelernt, wie wichtig gesunde Haare sind für meinen Beruf. Nur auf gesundem Haar funktioniert meine Arbeit und darum habe ich später meine eigene Kollektion an Produkten entwickelt. Ich selbst fand das Colorieren am Anfang übrigens gar nicht so toll, bis ich gemerkt habe, wie sich mit einer guten Haarfarbe die Schönheit einer Frau perfekt unterstreichen lässt. Im schlimmsten Fall, aber das sage ich jetzt nur Dir, lässt sich mit der richtigen Farbe sogar ein ungünstiger Haarschnitt kaschieren.

Umgekehrt kann die falsche Nuance einiges kaputt machen, ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn es gibt wohl kaum eine Farbe, die ich nicht ausprobiert habe. Der absolute Tiefpunkt war jene Phase, in der ich meine Haare am Ansatz dunkel trug und die Spitzen knallrot gefärbt hatte. Aber solche Sachen gehören einfach dazu, wenn man jung ist, n’ est-ce pas?

Mit 17 Jahren ging ich nach Paris, wo ich bei Jean Louis David – eine grosse Kette von Coiffeurgeschäften – arbeitete. Zu jener Zeit bestand mein Leben aus Beruf und Party, ich feierte oft als ob es kein Morgen gäbe. In diesem Alter kann man das noch machen, meine Arbeit litt nie darunter, im Gegenteil: Eines Tages holte mich ein Kollege vom Jean Louis David Studio-Team ans Set eines Werbedrehs für L’ Oréal Paris mit Stephanie Seymour. Ihre Haare waren total stumpf und niemand wusste eine Lösung, also riefen sie nach mir. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich bei Stephanie um ein Supermodel handelte, was sich rückwirkend als Segen erwies, weil ich total natürlich blieb. Wir sprachen kurz darüber, wie sie sich ihre Haare wünschte und dann legte ich los. Offenbar zur vollen Zufriedenheit aller Anwesenden, denn schon bald wollten sich alle Supermodels von mir die Haare färben lassen.

Wenn ich die heutigen Stars auf dem Laufsteg anschaue – Reality-Show-Teilnehmerinnen und so genannte Influencerinnen – dann fehlen mir diese unverwechselbaren Frauen von damals, die noch Kurven haben durften. All diese Models hatten einen ausgesprochen starken Charakter, sie benahmen sich zum Teil total crazy, aber jede von ihnen war eine Persönlichkeit! Mir scheint, das fehlt im Moment ein wenig und umso schöner finde ich es, dass einige der Stars von damals ein erfolgreiches Comeback gegeben haben in den vergangenen Monaten.

Sieben Jahre nach meiner Ankunft in Paris eröffnete ich meinen ersten Salon in der Hauptstadt. Vom Führen eines Unternehmens hatte ich keine Ahnung, all meine Entscheidungen traf ich aus dem Bauch heraus. Dass ich dabei nie eine Bruchlandung erlitt, ist vor allem meinem grossartigen Team zu verdanken, das mich bis heute so weit entlastet, dass ich mich auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren kann. Unterstützung bekam ich aber auch von meiner Kundschaft, namentlich von Claudia Schiffer, die mich an Catherine Deneuve empfahl.

Als Catherine dann zum ersten Mal in mein Geschäft kam, verlor ich fast die Fassung vor Freude – diese Frau war mein Idol, seit ich zurück denken konnte! Mittlerweile verbindet uns eine tiefe Freundschaft und auch ihre Tochter und ihre Enkelin kommen zu mir, um sich die Haare färben zu lassen. Für mich ist das eines der grössten Komplimente, denn normalerweise grenzen sich die Töchter ja gerne ab von ihren Müttern. Bei mir hingegen kommen sehr oft mehrere Generationen einer Familie ins Geschäft.

Natürlich sind nicht alle meine Kundinnen sind so angenehm wie Catherine, einige von ihnen haben komplett die Bodenhaftung verloren und das ist zum Teil anstrengend. Aber ich bin ein Mensch, für den das Glas immer halb voll ist und das überträgt sich in der Regel auch auf mein Umfeld. Ausserdem meditiere und bete ich viel, das hilft mir in jeder Situation. Das Visualisieren positiver Gedanken ist ein guter Weg, um mit Herausforderungen jeglicher Art umzugehen. Wenn ich darüber nachdenke, wie viel Grund ich habe, um dankbar zu sein, werde ich automatisch wieder ruhig. Ausserdem muss man gerade bei den so genannten Stars verstehen, dass diese Menschen einfach sehr oft einsam sind.

Im Jahre 1999 lancierte ich meine ersten Produkte für gefärbtes und sensibles Haar, das in der Schweiz unter anderem bei Globus erhältlich ist. Auch hier liess ich mich von meinem Instinkt leiten, was zum Teil für ziemlich Irritation sorgte, weil ich ganz bewusst auf Silikone verzichtete und im übrigen vor allem auf natürliche Wirkstoffe setzte. Aber auch hier gab mir letztlich der Erfolg recht. Das Haaröl mit Lavendel zum Beispiel ist bis heute ein Bestseller, auf den unzählige Frauen schwören. Es pflegt sowohl die Kopfhaut als auch das Haar mit natürlichen Wirkstoffen und die britische Schauspielerin Kristen Scott Thomas hat es sogar zur Vorbeugung von Schwangerschaftsstreifen benutzt. Ein weiterer Favorit – auch von mir selbst – ist der Balsam mit Feigenöl, der zu 99 Prozente aus natürlichen Inhaltsstoffen besteht. Diese kleine Dose sollte jede Frau in der Handtasche haben, denn damit lässt sich alles pflegen – die Haare, trockene Hauptstellen, die Hände, die Füsse, die Nägel…

Am meisten stolz macht es mich aber, dass ich es durch meine Arbeit geschafft habe, das Colorations-Metier ins Rampenlicht zu bringen. Es ist schön, wie sich immer wieder Kollegen bei mir melden, die mir berichten, wie unser Handwerk durch mich an Prestige gewonnen hat. In solchen Momenten bin ich noch glücklicher als sonst.

Seit 17 Jahren arbeite ich ausserdem als Colorations-Experten für L’ Oréal Paris. Dieses Mandat macht mir unglaublich viel Spass, ich bin aktiv an der Entwicklung neuer Produkte beteiligt und man lässt mir alle Freiheit, die ich brauche. Mein Job ist es, die neusten Trends aufzugreifen, was einfacher tönt als es ist, da die Produkte von L’ Oréal Paris ja auf der ganzen Welt verkauft werden. Mein persönliches Ziel ist es, eine Coloration zu erfinden, welche die Haare zu 100 Prozent schont. Mal sehen, ob wir das schaffen… Letztlich braucht es dafür vor allem viel Zeit und die fehlt mir dazu natürlich, da ich mit meinem Salon sehr ausgelastet bin.

Am liebsten würde ich Meryl Streep einmal die Haare machen, diese Frau hat mich schon immer fasziniert. Eine andere Traumkundin von mir ist Angela Merkel, es ist unglaublich, was diese Frau alles leistet. Mich faszinieren grundsätzlich Menschen mit viel Charisma, das war schon immer so.

Zehn Jahre nach dem Einstieg ins Haarpflege-Business zog ich von mit meinem kleinen Salon in eine Suite im Hotel Le Meurice, wo ich bis vor einem Jahr arbeitete, während ein Makler für mich nach einem geeigneten Geschäft Ausschau hielt. Fündig wurde dann aber ich, als ich im Parfumgeschäft Nose in der Rue Bachaumant einen Duft kaufte und mich in die Strasse verliebte. Durch einen glücklichen Zufall stiessen wir auf die Liegenschaft in der Nummer 16 und voilà, jetzt bin ich endlich am Ziel. Oder sicher einmal vorläufig, denn natürlich habe ich noch viel vor in meinem Leben, ohne genau zu wissen, wohin die Reise führt.

 

 

Das beste daran, mich selbst zu sein, ist die grenzenlose Freiheit, die ich geniesse. Ich habe das Privileg, in einem Beruf zu arbeiten, mit dem ich andere Menschen glücklich mache und dabei völlig unabhängig zu sein. Das geht mittlerweile so weit, dass ich jedes Jahr mindestens zwei Monate Ferien mache. Früher war das anders, da zählte für mich nur die Arbeit, ich flog auch mal einfach so für einen Tag nach Sidney, aber nach einem Krankheitsvorfall habe ich gelernt, dass längere Pausen nicht nur nötig sind für mich, sondern sich auch sehr positiv auf meine Arbeit auswirken. Am Anfang war das hart, ich hatte das Gefühl, unersätzlich zu sein. Das ist natürlich totaler Blödsinn und mittlerweile geniesse ich es, wenn ich zurückziehen und in meinem Garten herumwerkeln kann, denn im Herzen bin ich immer noch der Bauernjunge aus der Bretagne.»

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