Eine Frage des Stils

Sie sagte es als Feststellung ohne jegliche Wertung. Und trotzdem war ich ein wenig irritiert, als mir die Schwester meiner WG-Partnerin und Freundin beim ersten Besuch in der neuen Wohnung mitteilte, sie halte mich für die stilloseste Frau, die sie kenne.

Die Begründung: «Du trägst jeden Tag einen total anderen Look, so dass man Dich nicht auf eine bestimmte Stil-Richtung festlegen kann.»

«Signature Style» nennt man das heute und wer modisch etwas auf sich hält, hat einen solchen: Die Ohlsen-Zwillinge, Victoria Beckham, Alexa Chung, aber auch viele meiner Freundinnen, die scheinbar ganz genau wissen, was ihnen steht und über die Jahre hinweg eine tolle Garderobe voller so genannter Key Pieces – ein anderer Begriff, der in diesem Zusammenhang oft fällt und für zeitlose Klassiker steht – aufgebaut haben.

Ich hingegen bin eigentlich immer noch keinen Schritt weiter als damals vor rund 20 Jahren direkt nach meinem Austauschjahr in Madrid, wo ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Studenten-Budgets (sprich: alles, was nach dem intensiven Nachtleben noch übrige blieb) in Kleider von Zara investiert hatte.

Zu meiner Verteidigung und der Vollständigkeit halber muss an dieser Stelle vielleicht noch kurz erwähnt werden, dass es zu jener in der Schweiz keinen Zara gab, was meinen textilen Neuanschaffungen eine Art Exoten-Bonus verlieh und mich in der Folge zu fast schon hysterischen Hamsterkäufen verleitete, frei nach dem Motto «da muss man einfach zuschlagen, oder?».

Die Folge dieses Konsumverhaltens war eine Garderobe, die in der Tat keinen roten Faden erkennen liess, da ich mich sowohl bei meinen Einkäufen als auch beim Tragen der Kleider immer von meiner Tagesform leiten liess.

Mal war mir nach einem romantischen Rüschenkleid zumute, mal fühlte ich mich wahnsinnig erwachsen und erschien im Nadelstreifen-Anzug aus Polyester an der Universität. Dazu fanden sich in meinem Schrank diverse Oberteile in Neon-Farben – es waren die 90er-Jahre! – sowie das obligatorische «kleine Schwarze» in diversen Varianten von «sexy» (sprich: viel zu kurz!) über «elegant-verspielt» mit Spitze (sprich: ebenfalls viel zu kurz und zu allem Elend auch noch in Transparenz-Optik,) bis hin zu «schlicht-modern» (sprich: kastenförmig geschnitten mit Schulterpolstern wie ein American Football-Spieler und damit ein Witz aus kratziger Wolle), die ich je nach Laune im Pub, beim Zahnarztbesuch oder zum Einkaufen trug.

Natürlich habe ich mich längst getrennt von all diesen Modesünden, auf die ich damals so stolz war. Geblieben hingegen ist die modische Bandbreite meiner Garderobe, was vor allem meinem veränderten Umgang mit Mode geschuldet ist.

Nach meinem ersten Besuch an der Green Fashion Show in Berlin vor zwei Jahren mit Weleda war ich nämlich derart begeistert vom «Sustainable-Fashion»-Konzept, dass ich seither nur noch Kleider gekauft habe, die entweder…

a) nachhaltig, fair und ökologisch hergestellt wurden wie etwa das schöne Zitronen-Shirt von Lanius

b) die gute, alte 30-er-Regel erfüllen – das heisst ich trage sie mindestens 30 Mal – wie etwa die Jogg-Jeans von Diesel

c) aus dem Vintage-Shop kommen wie mein heiss geliebter Louis Vuitton Schal, den ich mir selbst geschenkt habe

Entsprechend, sagen wir mal: bunt gemischt ist der Inhalt meines Schrankes, in dem sich unter anderem ein Prada-Anzug (Vintage), diverse Steifenshirts (aus dem Öko-Laden), eine schwarze Cord-Latzhose (geschenkt), ein romantisches Hippiekleid (getauscht), drei weisse Männer-Hemden (vom Liebsten geklaut, ehm, geschenkt bekommen), sechs verschiedene Jumpsuits (zu 90 Prozent Vintage) sowie diverse Jeans befinden, von denen einige noch aus Studienzeiten stammen.

«Vielfältig» ist darum sicher ein guter Begriff, um meinen Stil zu beschreiben, wie im unten stehenden Wardrobe-Diary zu sehen ist (alles fotografiert von der fabelhaften Jehona Abrashi).

Inwiefern diese Vielfalt als «Signature Style» durchgeht oder einfach ein Zeichen von Entscheidungsschwäche ist, müssen andere beurteilen.

Ich für meinen Teil fühle mich auf jeden Fall sehr wohl damit. Selbst wenn mich das immer noch einer stil-losen Frau macht.

 

sonrisa in a black leather vintige skirt by versage and heels

sonrisa in a black leather vintige skirt by versage and heels

a portrait of sonrisa in a pink wintercoat

sonrisa in a pink winter coat at roots an friends by Jehona Abrashi

a portrait of sonrisa.ch all in black by Jehona Abrashi

sonrisa all in black having fun with leaves by Jehona Abrashi

sonrisa all in black walking by Jehona Abrashi

sonrisa wearing a striped dress picture by Jehona Abrashi

sonrisa in a striped skirt drinking coffee by Jehona Abrashi

sonrisa taking a picture of her coffee wearing a striped dress picture by Jehona Abrashi

sonrisa walking on the street with high heel boots picture by Jehona Abrashi

a portrait of sonrisa in the sun wearing a striped shirt and a leather jacket picture by Jehona Abrashi

sonrisa walking in the sun wearing a leather jacket picture by Jehona Abrashi

PS: Einer, dem mein Nicht-Stil Stil immer gefallen hat, ist der Liebste. Heute vor 19 Jahren sagte er «Ja» – zu uns, zu mir und auch zu meinem Stil. Geheiratet haben ich übrigens ganz klassisch in Weiss.

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