Egal ob Shampoo, Creme oder Deo: Die Auswahl an Kosmetikprodukten ist riesig. 

Ebenfalls sehr gross ist mittlerweile aber auch die Verwirrung bei den Konsument*innen in Bezug auf die unseren Schönmachern enthaltenen Inhaltsstoffe, die zum Teil sehr kontrovers diskutiert werden: Unter anderem hier auf sonrisa, wo sich im Rahmen der Mini-Serie «umstrittene Wirkstoffe» jeweils zwei Profis mit gegensätzlichen Standpunkten zu einer bestimmten Substanz äusseren. Weil ich der besten Leserschaft der Welt – that’s you, Sweetheart – die Möglichkeit geben möchte, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und das ist bekanntlich immer erst möglich, wenn man alle Seiten gehört hat. 

Über Parabene zum Beipspiel, um die es in diesem Beitrag geht mit einer Stellungnahme von Neurologin und selbst ernannter «Skinnerd» Maja («Team Konventionelle Kosmetik»), auf welche eine Replik von Biomazing-Begründerin Anna Mandozzi («Team Naturkosmetik») folgt. 

Danke, Ladies!  

Eine Gefährdung für die Gesundheit oder völlig harmlos? Zwei Profis mit unterschiedlichen Standpunkten reden über einen Inhhaltsstoff in der Kosmetik, der für Diskussionen sorgt: Parabene.

Parabene in Kosmetik: Pro

«Parabene sind eine Gruppe von Molekülen, die als Konservierungsmittel eingesetzt werden. Sie verhindern, dass Bakterien oder Schimmel sich in Kosmetika vermehren. Parabene stammen von in der Natur vorkommenden Para-Hydroxybenzoesäuren ab. Am häufigsten verwendet werden Methylparaben, Ethylparaben, Butylparaben und Propylparaben – oft in Kombination, da jedes dieser Moleküle Stärken und Schwächen hat. Parabene werden seit fast hundert Jahren eingesetzt, mittlerweile in 85 Prozent aller Kosmetika. Sehr selten treten Allergien auf. Ansonsten sind keine negativen Folgen für die Gesundheit bekannt. 

Wieso also die Kontroverse?

Parabene haben in Ratten eine ganz schwache Östrogen-ähnliche Wirkung*. Und hohe Östrogen-Konzentrationen erhöhen das Risiko für Störungen der Fruchtbarkeit und Brustkrebs. Aber: Butylparaben, das am stärksten hormonaktive Paraben, ist in Ratten 100‘000 Mal weniger stark als Östradiol. Bei Methylparaben konnte in Ratten überhaupt keine hormonelle Wirkung nachgewiesen werden. Und das, obwohl die Parabene unter die Haut gespritzt wurden. Wurden sie den Ratten ‘nur’ verfüttert, hatten sie alle keinerlei hormonelle Wirkung!

Da Hautpflege üblicherweise weder injiziert noch gegessen wird, ist bei den üblichen Konzentrationen davon auszugehen, dass sie die Hormone überhaupt nicht beeinflussen.

Maja Strasser, „Skinnerd“

Eine andere Studie aus dem Jahr 2004 konnte Parabene in Brustkrebs-Gewebe nachweisen. Allerdings wurde nicht gemessen, ob es auch in gesundem Brustgewebe oder in anderen Geweben festgestellt werden kann. Und selbst wenn es im Brustkrebs-Gewebe in höherer Konzentration messbar wäre, würde das nicht beweisen, dass Parabene Tumore verursachen. Sie konnten sogar in Vergleichsproben festgestellt werden, die gar kein Gewebe enthielten (teilweise in grösserer Menge als in den Gewebeproben!), so dass mindestens ein Teil davon Kontamination war (eingeschleppte Verunreinigung). Und die gemessenen Konzentrationen waren unvorstellbar gering (ein halber Teelöffel in einem Olympischen Swimmingpool). Also: geringste Spuren von Substanzen, die keine relevante hormonaktive Wirkung haben! Die Autoren dieser Studie haben explizit betont, dass sie keineswegs denken, dass Parabene Brustkrebs verursachen.

Es gibt keine einzige in vivo Studie, die in Parabenen eine Gefahr nachweisen konnte – und das obwohl sie zu den am besten untersuchten Substanzen in der Kosmetik gehören!

Too long, didn’t read:

Parabene sind bewährte, ungefährliche und hochwirksame Konservierungsstoffe, die ihren schlechten Ruf vollkommen zu Unrecht haben.

Maja Strasser, „Skinnerd“

Zitierte Quellen:

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0041008X98985441

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/jat.958

Parabene in Kosmetik : Contra


«In Bezug auf Parabene ist die Position der Naturkosmetik klar und unmissverständlich: Die in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie weit verbreiteten Hilfsstoffe können bereits in geringer Dosierung irreversible körperliche Schäden verursachen. Aus diesem Grund haben Parabene in Kosmetikartikeln nichts zu suchen.

Die Europäische Kommission beschloss im Jahr 2015 ein Verbot der beiden Konservierungsstoffe Propylparaben und Butylparaben in Pflegeartikeln für Kinder unter drei Jahren. Gleichzeitig legte sie eine neue zulässige Höchstkonzentration von 0,14 Prozent für Kosmetika fest. Wenngleich jede weitere Senkung der Obergrenze grundsätzlich eine gute Sache ist, muss man das wissen: Grenzwerte werden oft relativ willkürlich bestimmt. Sie orientieren sich in der Regel an einzelnen Untersuchungen. Die tatsächlichen Beweggründe sind für den Verbraucher meistens nicht transparent nachvollziehbar.

Wir wissen schlichtweg nicht, ob Parabene nicht schon bei einer geringen Konzentration gravierende und irreversible Schäden anrichten können (!).

Anna Mandozzi, Biomzaing-Begründerin

Darüber hinaus gibt es in Hinblick auf die Identifizierung einzelner gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe in Kosmetik ein weiteres Problem: Die Wirkung sowie die Risiken eines einzelnen potenziellen Schadstoffes lassen sich nicht isoliert untersuchen. Unbewusst nehmen wir tagtäglich einen bunten Cocktail bedenklicher Substanzen zu uns. Über einen längeren Zeitraum hinweg kann das neuesten Studien wie von Artacho-Cordón et al. (2018) zufolge sogar zu einer Bioakkumulation von Parabenen im menschlichen Fettgewebe kommen.

In unterschiedlichen Testungen in den USA, Europa und China konnten bei der Mehrheit der Probanden Parabene im Urin nachgewiesen werden. Das lässt auf eine weit verbreitete Exposition schliessen, die nicht allein auf Kosmetik zurückzuführen ist. Bei einer umfassenden Untersuchung des Center for Disease Control (CDC) wiesen die Proben von über 92 Prozent der amerikanischen Probanden Propylparaben auf. 50 Prozent enthielten zudem Butylparaben. Betroffen waren davon auch junge Kinder und Schwangere.
Für die Kanzerogenität von Parabenen gibt es in der Tat keine gesicherte Faktenlage.

Allerdings konnte bis heute auch noch keine Studie den Verdacht der krebserregenden Wirkung ausräumen. (Die Abwesenheit des Beweises bedeutet noch nicht, dass es nicht zutreffen kann!) Und: Es wäre gar nicht so einfach möglich eine ganz klare Korrelation zu isolieren und nachzuweisen. 

Bei der zitierten Untersuchung von Darbre et al. aus dem Jahr 2004 handelt es sich aber auch nicht um den einzigen Beleg für eine potenziell gesundheitsschädliche Wirkung. Es gibt zahlreiche aktuellere Studien, die den Standpunkt der Naturkosmetik stützen. Die negative Beeinflussung des Hormonhaushalts konnte in Bezug auf bestimmte Parabene in der jüngeren Vergangenheit einigermassen gesichert festgestellt werden – und ist auch die Grundlage für die gesetzlichen Einschränkungen für Produzenten. 

Im Jahr 2020 veröffentlichte das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) die Resultate einer Langzeitstudie über die Auswirkungen einer Paraben-Exposition bei ungeborenen Kindern. Die Studie zeigte einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von parabenhaltiger Kosmetik in der Schwangerschaft und der Entstehung von Übergewicht. Mütter, die kosmetische Produkte mit Parabenen verwendeten, wiesen eine dementsprechend erhöhte Paraben-Konzentration im Urin auf. Insbesondere die Töchter von Probandinnen mit einer hohen Butylparaben-Konzentration während der Schwangerschaft entwickelten innerhalb der ersten acht Lebensjahre signifikant häufiger Übergewicht. Ebenso führte die mütterliche Butylparaben-Exposition bei Mäusen konsistent zu einer vermehrten Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme bei weiblichen Nachkommen. Zurückführen lässt sich diese Beobachtung auf eine markante epigenetische Veränderung. Das für das Sättigungsgefühl zuständige Proopiomelanocortin-Gen (POMC) weist hierbei eine verminderte Aktivität auf.

Und nicht nur bei Ungeborenen und Kindern zeigen sich die hormonellen Auswirkungen von Parabenen: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 liefert zum Beispiel Hinweise darauf, dass eine Propylparaben-Exposition zu verminderten Eierstockreserven und einer Alterung der Eierstöcke betragen könnte. Die Verwendung von parabenhaltiger Kosmetik kann also zumindest eine Einschränkung der Fruchtbarkeit begünstigen.

Kurz gesagt:

Obwohl Parabene innerhalb der letzten Jahre umfassend erforscht wurden, wissen wir bis heute zu wenig über ihre Langzeitwirkung. Es gibt einfach zu viele Unsicherheiten. Die mögliche Kanzerogenität ist dabei nur eines von zahlreichen gesundheitlichen Risiken.

Anna Mandozzi, Biomazing Begründerin

Deshalb empfiehlt es sich vor allem für Schwangere, junge Frauen und Kinder, diese Stoffe gänzlich zu meiden.» 

Zitierte Quellen:

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0269749119326946

https://www.nature.com/articles/s41467-019-14202-1

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014R1004

https://www.ewg.org/californiacosmetics/parabens

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24246946/

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29980043/

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20056562/

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